Beatrix Schnippenkoetter


Ich arbeite mit dem täglichen Verschwinden, der Flüchtigkeit des Augenblicks, dem Moment des Verblassens und der Auflösung, wo Unschärfen und Leerstellen entstehen wie Löcher in einem ausgedünnten Tuch.

Dazu halte ich Momente und Augenblicke des Alltags in Langzeit-Sammlungen fest, lege Depots der Erinnerung in Text, Bild und Ton an, mit denen ich mich künstlerisch auseinandersetze wie in einer Art persönlichem Rückspiegel. Ziel ist die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum auszuloten.

Aus der Konservierung aller Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter ist zum Beispiel eine fünfzehnjährige Serie von Stimmen und Botschaften geworden, ein biographischer Fahrtenschreiber, in dem sich persönliche Erinnerungen mit fremden Lebenswelten vermischen. Ebenfalls habe ich lange Jahre im ständigen Austausch mit einem Gegenüber auf der anderen Seite der Welt zu festgelegten Tageszeiten einen Gedanken notiert und ausgetauscht. Daraus ist die Vorlage für ein Tapetenmuster entstanden. Wiederum drei Jahre lang habe ich jeden Morgen meine Kinder beim Verlassen des Hauses fotografiert – all dieses um den entstandenen Materialfundus später als Spiegel zu nutzen und den jeweiligen Erfahrungen wie einem Echo nachzuspüren.

Daraus sind schließlich auch Rauminstallationen entstanden, für die ich die gesammelte Worte und Daten auf einem Vorhang aus transparenten Folienstreifen gebannt und die ausgestanzten Silhouetten der Kinder als Licht auf Wände projiziert oder als Umrisszeichnungen in Wände gekratzt habe.

In all diesen Arbeiten wird die Haut, die Eigenes von Fremdem trennt, durchsichtig, und das Private scheint als Negativform des Anonymen auf. Entsprechend sammele ich auch Bilder privater Wohnräume, die im Internet einer anonymen Öffentlichkeit zugänglich sind. In der Kombination mit eigenen, privaten Motiven entsteht so ein neues, stetig wachsendes Bildarchiv, das mir als Vorlage für Collagen und Zeichnungen dient, die ich auf Holzplatten brenne.

Durch die Entwicklung eigener künstlerischer Techniken versuche ich, der allgemeinen Bilderflut persönliche Perspektiven abzuringen, durch die sich Erfahrungen und Erinnerungen abgrenzen lassen, ehe sie verloren gehen.

2008